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14.1.16

Die Tragödie von Herrn Schneider


Herr Schneider war schon immer ein Nostalgiker. Ein ordentlicher und genügsamer Mensch mit reinem Herz und freundlichem Humor, immer für seine Freunde und Kunden da. Vor 19 Jahren eröffnete er seinen Gemischtwarenladen in der Fabrikstraße 82 im ruhigen Rehndorf, das an der Eisenbahnlinie von Tormund nach Krallheim liegt.

Er hatte nie viel übrig für die kommerziellen Bestrebungen der großen Supermarktketten und führte sein Geschäft lieber auf traditionelle Weise. Er stand jeden Tag hinter der Theke, begrüßte die Käufer, sortierte die Regale und kümmerte sich um die Bestellungen. Außerdem war er ein äußerst leidenschaftlicher Sammler. In einem ungenutzten Lagerraum im Keller des Gebäudes hatte er sich seine kleine Welt erbaut. Orientalische Wandteppiche die von überragender Kunstfertigkeit zeugen, fabelhafte Möbelstücke wie es sie nur einmal gibt, Mineralien, älter als die Erde selbst, uralte Bücher und Dokumente, die unvorstellbare Mengen an Wissen bergen mussten. All diese Dinge und noch viele mehr hütete der gute Herr vor dem Bann der Zeit und der Gier der modernen Welt. Sein allerliebstes Stück thronte auf einer alten Schaufensterpuppe.
Ein unfassbar schönes Hemd, bestickt mit einem Muster, wie es die Welt noch nicht sah, aus einem zarten weißen Material, dem niemand eine Herkunft zuordnen konnte, bestückt mit prachtvollen Knöpfen, die in einer dunklen Metallfarbe schimmerten. Darüber ein wundervoll elegantes tiefschwarzes Sakko, dessen Stoff aus der Nacht selbst genäht worden sein musste und in dessen Brusttasche eine besondere dunkelrote Rose steckte, die, seit er sich erinnern konnte, nie auch nur im Mindesten zu Welken begann. Diese Kleidungsstücke waren von so bezaubernder und außergewöhnlicher Natur, ganz im Gegensatz zu der Schaufensterpuppe, die sich damit zierte. Sie war ein hölzernes Stück Ekel in dem Raum, überzogen mit einer dreckigen Schicht aus Leinen und einem leeren, ausdruckslosen Gesicht. Er würde sie am liebsten entsorgen, doch er konnte sich nur schwer von Dingen trennen und so behielt er sie all die Jahre obwohl er schon längst vergessen hat, woher sie kam.

Letzte Woche entschied sich Herr Schneider zur Feier seines bevorstehenden Ruhestands einen Spaziergang zu machen. Er wollte abends durch den Park promenieren, das Museum besuchen und anschließend vielleicht in die Kirche gehen um über all die schönen Dinge zu sinnieren, die ihm in seiner Vergangenheit widerfahren sind. Zu diesem besonderen Anlass wollte er endlich das feine Gewand aus den Schatten nehmen. Endlich sollte es einen menschlichen Träger haben. Endlich sollte er den Stoff auf seiner Haut fühlen, der so wunderbar anzusehen war.
Bevor er den Keller verließ, betrachtete er sich in dem schimmernden Silberspiegel, den er vor einigen Jahren auf einem Flohmarkt erworben hatte.
Er konnte es nicht fassen. Vor ihm stand nicht der alte Ladenbesitzer, nicht der nostalgische Sammler, sondern das ideale Abbild seines Selbst, in dem er sich kaum wiedererkannte. Die feine Gestalt in anmutiger Kleidung, die sogar seine Falten attraktiv aussehen ließ, musste lachen und das erste Mal in seinem langen Dasein fühlte sich Herr Schneider edel, gar erhaben. Er beäugte den prachtvollen Mann, den sein Spiegelbild darstellte und wusste, dass sein Leben nun erfüllt war. Bis er den Willen aufbringen konnte, sich abzuwenden dauerte es noch ein wenig, doch schließlich trat er hinaus und sperrte ab. Glücklich ging er die Straße hinunter und badete im Schein der Laternen. Die nackte und nun noch hässlichere Schaufensterpuppe blieb mit ihrem leeren, ausdruckslosen Gesicht im Dunkel zurück.

Spät in der Nacht kehrte Herr Schneider wieder in seinem Gemischtwarenladen ein, um Hemd und Sakko wieder dem hölzernen Träger zurück zu geben, auf dem sie all die Jahre verbracht hatten. Doch als er sich ein letztes Mal im Silberspiegel betrachtete, zögerte er. Wäre es nicht zu schade, diese Pracht hier verstauben zu lassen? Er überlegte kurz und kam zu dem Entschluss, die Kleidungsstücke mit nach Hause zu nehmen, da er sie doch auch noch zu weiteren Gelegenheiten tragen konnte. Zufrieden mit seiner Entscheidung ging er die Treppe zurück nach oben, als er plötzlich ein merkwürdiges Geräusch vernahm. Es klang nach einem seltsamen Zischen…
Eine gewaltige Explosion erschütterte das Geschäft. Im Bruchteil einer Sekunde wurde sein Körper in Stücke gerissen und seine Innereien zerfetzt. Er fand einen schnellen Tod, doch seine Leiche wurde nie gefunden. Sie wurde vollständig vernichtet in dem darauffolgenden Feuer, das das Gebäude zu Asche niederbrennen ließ.
Ganz Rehndorf trauerte um Herrn Schneider und sein Ableben ließ die Bevölkerung in einem Schock zurück. Den örtlichen Einsatzkräften war die Unfallursache ein Rätsel, doch um die Einwohner zu beruhigen, gab man eine Gasexplosion im Untersuchungsbericht an.

Gestern wurde mit den Räumungsarbeiten begonnen und einer der Arbeiter fand etwas äußerst Sonderbares unter den Trümmern: Eine absolut unbeschädigte Schaufensterpuppe, gekleidet in Hemd und Sakko mit einem hässlichen, unheilvollen Grinsen im Gesicht.

Kommentare :

  1. Wieder mal eine super Geschichte von dir :)

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  2. Eine gute Gruselgeschichte. Beeindruckend, wie du in so wenig Text Spannung so gut kreieren kannst und wie man die ganze Zeit eine ungute Vorahnung hat, dass die Puppe irgendetwas krankes macht ... vielleicht war das auch nur bei mir so. Aber eine unbestreitbar gruslige Geschichte. Weiter so.

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